Ellen Ammann

Eine frauenbewegte Schwedin von „nordischer Vehemenz“

Keine der Landtagsfrauen der Weimarer Zeit hat es im Bayerischen Parlament so lange und so kontinuierlich ausgehalten wie Ellen Ammann. Im Januar 1919 in der ersten Legislaturperiode gewählt, gehörte sie auch noch dem letzten frei gewählten Landtag an, bevor die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Sie erlitt kurz nach einer ihrer großen Reden zur Verbesserung der Situation kinderreicher Familien einen Gehirnschlag und starb praktisch in Ausführung ihres Amtes in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1932. Ellen Ammann war Zeit ihres Lebens ein Widerspruch in sich. Ihre beiden wichtigsten Prägungen erfuhr sie einerseits über ihre skandinavische Heimat Schweden mit seinem Staatsprotestantismus und andererseits über den Katholizismus. Sie vertrat eine dezidiert wertkonservative Familienpolitik und war dennoch – auch als sechsfache Mutter – immer berufstätig. Sie hatte keinerlei Berührungsängste, wenn es um die Sache ging; da ignorierte sie einfach störende Partei- und Konfessionsgrenzen – und das war in den 1920er Jahren in Bayern äußerst ungewöhnlich.

Dabei müssen die Anfangsjahre der jungen Schwedin in München ziemlich hart gewesen sein. Die Zwanzigjährige war durch Heirat mit dem Orthopäden Ottmar Ammann 1890 nach München gezogen, wo sie immer wieder sehr schnell an ihre Grenzen stieß. Ohnehin in einem liberalen, weltoffenen Haus erzogen, war sie durch ihre Jugendzeit im fortschrittlichen Schweden zu einer selbstbewussten, sportlichen, modernen Frau herangewachsen, die es gewohnt war, deutlich ihre Meinung zu sagen. Hatten die Bayern schon mit den vielen zugereisten Preußen ihre liebe Not, so kam ihnen eine besserwisserische Ausländerin, die sich dauernd in ihre inneren Angelegenheit einmischte und nicht einmal fehlerfrei deutsch sprach, gerade recht. Die vielen Probleme, die Ellen Ammann zu Anfang mit ihrer Umwelt hatte, wirkten sich auch auf ihre Ehe aus. Die ersten beiden Jahre kriselte es heftig. Als 1892 ihr erstes Kind auf die Welt kam, konsolidierte sich das Verhältnis. Ellen Ammann war nun bis 1903 jedes Jahr schwanger. Sie brachte fünf Söhne und eine Tochter zur Welt, erlitt aber gleichzeitig sechs Fehlgeburten. Danach war die Familienplanung für sie abgeschlossen. Nachdem die tiefreligiöse Katholikin Verhütungsmittel ablehnte, blieb ihr nur ein Weg: die Eheleute bezogen getrennte Schlafzimmer und führten fortan eine sogenannte Josephsehe. Damals war sie 33, ihr Mann 42 Jahre alt.

Von Anfang an arbeitete Ellen Amman in der orthopädischen Praxis ihres Mannes, später auch in dessen Klinik. Die Existenzgründung erwies sich als recht schwierig, die Familie lebte jahrelang vom Hand in den Mund oder war auf Zuwendungen der schwedischen Verwandtschaft angewiesen. Dennoch engagierte sich Ellen Ammann zunehmend in der caritativen Bewegung. 1895 war sie Mitbegründerin des „Marianischen Mädchenschutzvereins“, aus dem 1897 die erste katholische Bahnhofsmission Deutschlands in München hervorging. Diese machte es sich zur Aufgabe, junge, unerfahrene Mädchen aus der Provinz, die sich im Zuge der Landflucht in der Großstadt ein freieres Leben erhofften, vor unsittlichen oder ausbeuterischen Stellenangeboten zu schützen. 1904 gründete sie den Münchener Zweig des Katholischen Frauenbundes und war auch 1911 bei der Konstituierung des bayerischen Zweigs dabei. Eine ihrer wichtigsten Initiativen war 1909 der Aufbau der „Sozialen und Caritativen Frauenschule“, aus der die heute noch bestehende Katholische Stiftungsfachhochschule hervorging und deren Leiterin sie bis 1925 war. Ihre Tochter Maria leitete die Schule übrigens später von 1929-1961. In dieser weiterführenden Schule sollten Frauen in den Sozialberufen professionell ausgebildet werden – eine bahnbrechende Innovation in Zeiten, in denen Frauen jenseits des Lehrerinnenberufs kaum qualifizierende Berufsausbildungen angeboten wurden. Während des Ersten Weltkriegs war Ellen Ammann zusammen mit Luise Kiesselbach zuständig für die soziale Kriegshilfe, die bedürftige Familien mit Wohnung, Arbeit, Kleidung oder Essen versorgte. Ihre außerordentlich intensive ehrenamtliche Tätigkeit schränkte sie ab 1919 deutlich zugunsten ihrer Landtagstätigkeit ein. Dafür gab es immerhin Sitzungsgelder, und die waren als zusätzliche Einnahme im Ammannschen Haushalt mehr als willkommen.

 

In diese Zeit als Abgeordnete fällt ein Ereignis, das skandalöserweise bis heute in den Geschichtsbüchern kaum Erwähnung findet. Ellen Ammann ist es nämlich großteils zu verdanken, dass der Hitlerputsch von 1923 in München fehlschlug. Schon Anfang 1923 war sie – gemeinsam mit den radikalen Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann – bei einer Delegation mehrerer Frauen dabei, die den damaligen Innenminister bewegen wollten, den Österreicher Hitler wegen Landesfriedensbruch aus Bayern auszuweisen. Am 8. November 1923 erhielt Ellen Ammann abends die Nachricht, dass es konkrete Putschpläne gab und der bayerische Generalstaatskommissar von Kahr als Geisel Hitlers festgehalten wurde. Sie trommelte den stellvertretenden  Ministerpräsidenten Franz Matt und etliche Landtagskollegen in den Räumen der sozial-caritativen Frauenschule zusammen, wo sie zusammen Kriegsrat hielten. Lida Gustava Heymann konstatierte in ihren Erinnerungen: „Dass dieses ganze, geradezu törichte Unterfangen nicht in einem furchtbaren Blutbade endete, sondern nach wenigen Stunden zusammenbrach, ist meines Erachtens auf die Initiative einer Frau, Ellen Ammann (…) zurückzuführen, die vorausschauend, instinktiv und nach sicheren Anzeichen erkannte, dass sich eine Katastrophe vorbereitete, und daraufhin ihre Maßnahmen traf“. Die Nationalsozialisten haben ihr dies nie vergessen und ließen deshalb 1933, als ihre Biographie gerade erschienen war, alle 60.000 Exemplare einstampfen.

Ellen Ammann machte sich im Landtag vor allem für sozial benachteiligte, kinderreiche Familien stark und war deshalb bei weiten Bevölkerungsschichten sehr beliebt. Bei ihrer Beerdigung folgten nicht nur Kardinal Faulhaber, der Ministerpräsident Held, das gesamte Kabinett, die Stadtspitze und etliche Mitglieder des Königshauses ihrem Sarg, sondern auch eine Unmenge sogenannter kleiner Leute. Die Trauergemeinde ging in die Tausende. Nachtrag: Wer in der neuen Lexikonreihe „Deutsche Biographische Enzyklopädie“ des renommierten K.G.Saur-Verlags unter dem Namen „Ammann“ nachschlägt, findet dort den Eintrag: „Ammann, Ottmar, Orthopäde“. Mit keinem Wort wird seine Frau und ihre zahllosen gesellschaftspolitischen Aktivitäten erwähnt.

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