Menschenunwürdige Zustände herrschten vielerorts in den Lagern; auf engstem Raum zusammengepfercht, ohne Koch- oder Heizmöglichkeit, bei völlig unzureichender Ausstattung mit Waschgelegenheiten und Toiletten, bestand akute Seuchengefahr. Wanzen- und Läusebefall waren ohnehin an der Tagesordnung. Hätten diese himmelschreienden Zustände allein schon ausgereicht, daß die Leute dort immer mehr verwahrlosten, so kam es durch die zusätzlichen psychischen Belastungen wie Verlust der Heimat und des Besitzes oder die traumatischen Erlebnisse während der Flucht zur berüchtigten Lagerlethargie. Auswegslos schien die Lage: zurück konnten sie nicht mehr und hier wollte sie niemand haben. Dabei hätte man in der Landwirtschaft durchaus Arbeitskräfte brauchen können, aber dazu seien die Flüchtlinge sich ja zu fein, meinte der gescheite Eiterbeulen-Schreiberling. Die Wirklichkeit sah ein bißchen anders aus: die Kleidung und das Schuhwerk war vielfach so zerlumpt, daß an ein Verlassen des Lagers gar nicht zu denken war. Außerdem verstanden viele der Flüchtlinge sich überhaupt nicht auf diese Arbeit, waren sie doch häufig als hoch spezialisierte Handwerker und Industriearbeiter ausgebildet worden. Doch an solchen Arbeitsstätten mangelte es im agrarischen Bayern der Trümmerzeit. Naja, dann muß man sich die eben selber schaffen. Und genau das haben viele der Flüchtlinge und Vertriebenen auch getan. Ganze Städte sind so im Lauf der Zeit entstanden, Neugablonz, Waldkraiburg, Traunreut oder Geretsried zum Beispiel. Und überall versuchten sich dort die Menschen mit sehr viel Fleiß eine neue Existenz aufzubauen als Handschuh- oder Spielzeugmacher, als Glas- oder Schmuckhersteller, als Kunstblumen- oder Instrumentenfertiger.
Daß diese vielen Menschen letztendlich in Bayern eine neue Heimat gefunden haben, ist also nicht zuletzt ihrer eigenen Initiative zu verdanken. Das hat dem stark bäuerlich geprägten Land neue wirtschaftliche Impulse gegeben und eine Entwicklung hin zum modernen Industriestaat eingeleitet. Vielleicht könnten von den Flüchtlingen heutzutage einmal ähnlich wichtige Impulse ausgehen? Und wenn die Bayern damals trotz großer Zerstörungen und fehlender Mittel ihre zwei Millionen Neubürger untergebracht haben, dann sollte es doch heute, in diesem so ungleich besser versorgten Land, auf die paar neuen Flüchtlinge auch nicht mehr drauf ankommen. Oder?



